Bruchsal

Rede der Oberbürgermeisterin am 9. November 2018 bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den 80. Jahrestag der Pogromnacht 1938

Niemals in den zurückliegenden Jahrzehnten stand dieser Platz, an dem wir uns heute versammelt haben, stärker im Fokus des allgemeinen Interesses und im Mittelpunkt öffentlicher Diskussionen als gerade in diesen Monaten. Alle, die sich heute zu dieser Gedenkstunde versammelt haben, kennen den Grund für die große Aufmerksamkeit, die diesem Platz derzeit in der öffentlichen Diskussion zukommt: Es ist der frühere Standort der Bruchsaler Synagoge, und mit der Verlegung des Feuerwehrhauses in die Bahnstadt stehen wir vor einer wegweisenden Frage und Entscheidung: Welcher Nutzung und welchem Vorhaben kann und soll dieser Platz künftig gewidmet werden?

Auf diesem historisch bedeutenden Areal entsteht durch die Verlegung der Feuerwehr Raum für eine völlig neue Bestimmung. Der Gemeinderat hat sich gemeinsam mit der Stadtverwaltung und mit den Bürgerinnen und Bürgern von Bruchsal auf den Weg gemacht, die grundlegenden Fragen zunächst in einem offenen Verfahren zu diskutieren:

 

  • Welche Bedingungen sind an eine solche Neunutzung der geschichtlich wertvollen Fläche zu stellen?
  • Wie entsteht Einklang zwischen städtebaulicher Umgestaltung und angemessenem Gedenken?
  • Wie und in welcher Form erinnert Bruchsal künftig am ehemaligen Standort der Synagoge an die Folgen des NS-Terrors und an das einstige jüdische Leben in der Stadt?

Was die Form und das Ergebnis unserer Diskussionen anbelangt, so sehen sich alle, die daran beteiligt sind, in einer besonderen Verantwortung, denn wir wissen: Wir sprechen jetzt, in unserer aktuellen Gegenwart, über die Zukunft dieses Ortes, wobei wir aber die Vergangenheit nicht außer Acht lassen können und nicht außer Acht lassen dürfen.

Wir wissen, welcher Teil unserer Vergangenheit dies ist. Er liegt am heutigen Abend genau 80 Jahre zurück.

Bis zur Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stand hier an dieser Stelle die Bruchsaler Synagoge. Ein beeindruckendes Baudenkmal und zugleich ein Symbol für die weitgehende Selbstverständlichkeit des christlich-jüdischen Miteinanders, ein Symbol dafür, dass Menschen ungeachtet ihrer Kultur und ihrer Konfession friedlich miteinander leben können.

Die Pogromnacht von 1938 hat all dies zunichte gemacht. Innerhalb weniger Stunden ist in drastischer Weise sichtbar geworden, was Hass, Fanatismus, Rassenwahn an Schrecklichem anrichten können. Diese Nacht hat wie in einem Brennspiegel alles das gebündelt und verdichtet, was zuvor noch unterschwellig und latent gewesen ist.

Die Nationalsozialisten steckten die Synagogen in Brand, weil sie ihnen als Symbole galten: als Sinnbilder des jüdischen Teils der deutschen Bevölkerung, gegen den sich ihr ganzer fanatischer Hass richtete. Indem sie die Synagogen schändeten und zerstörten, werteten sie jene Menschen symbolisch ab, die nicht in ihr rassistisches Weltbild passten. Das NS-Regime glaubte in dieser Nacht vor 80 Jahren, mit den jüdischen Gotteshäusern auch die jahrhundertelange jüdische Kulturgeschichte Deutschlands sinnbildlich vernichten zu können.

Tatsächlich erinnerte nach der Zerstörung nichts Sichtbares mehr an die Synagoge, die zuvor hier stand. Nur noch ein einziges Fragment einer Säule hat sich erhalten – und Teile der Grundmauern, wie wir seit wenigen Wochen durch Ausgrabungen wissen. Mehr ist uns von diesem Gotteshaus nicht geblieben.

Das Novemberpogrom von 1938 markiert den Zeitpunkt, an dem die bis dahin auf Verdrängung und Vertreibung der Juden ausgerichtete Politik des NS-Regimes in direkte Gewalt und Vernichtung mündete. Die Nacht des 9. November 1938 war das Fanal für die Ermordung unzähliger Menschen und für den Versuch, eine ganze Kultur auszulöschen.

Von Innsbruck bis Flensburg und von Königsberg bis Aachen brannten über 1.400 Synagogen und jüdische Betstuben im ganzen Deutschen Reich. Wenige Tage nach der Pogromnacht wurden jüdische Schüler vom Besuch deutscher Schulen ausgeschlossen. Diese Verordnung und die vorangegangene Zerstörung der Synagogen als Zentren jüdischen Lebens bedeutete nach den Worten des Schriftstellers Viktor Klemperer für viele Juden auch ein „geistiges Todesurteil“.

Der Rassenwahn gab dem Leben vieler Menschen, die jüdischen Glaubens waren, eine völlig andere Richtung: Die Normalität war damit ausgelöscht und wurde abgelöst durch die Erfahrung von radikaler Ausgrenzung, durch die Konfrontation mit einem Vernichtungswillen, der sich gegen den gesamten jüdischen Teil der deutschen Gesellschaft gerichtet hat.

Viele hatten vorher vielleicht noch geglaubt, die schrecklichen antisemitischen Parolen der Nationalsozialisten seien vor allem Propaganda und politisches Getöse. Sie hatten sich geirrt. Es blieb nicht  bei bloßen Worten, das NS-Regime machte blutige Wirklichkeit daraus. Es ging darum, eine Welt zu schaffen, in der die „Anderen“ keinen Platz mehr haben sollten: die Juden, die Sinti und Roma, aber auch die Kranken und Behinderten, die Andersdenkenden und Andersfühlenden – sie alle sollten aus dieser Welt verschwinden.

Außer der Deportation nach Gurs am 22. Oktober 1940 gibt es wohl kaum ein Ereignis und ein konkretes Datum, das krasser und unmissverständlicher die fortgesetzte Grausamkeit bewusst macht, mit der hier eine ganze Bevölkerungsgruppe entrechtet worden ist.

Dass die Nationalsozialisten die Verbrechen dieser Nacht vor 80 Jahren als „spontanen Volkszorn“ darstellten, sollte zur Legitimation ihrer Untaten dienen. Aber auch wenn es überwiegend die Formationen der Partei gewesen sind, die in Deutschland die Synagogen zerstörten, müssen wir kritisch sagen und bekennen: Die Bevölkerung hat zum großen Teil geschwiegen, hat weggesehen, hat vielfach beigepflichtet, wenn die Schlägertrupps ans Werk gingen.

Die Gräuel des NS-Regimes haben eben nicht nur irgendwo unbeobachtet in der Ferne stattgefunden, sondern – auch hier in Bruchsal! – vor den Augen der Menschen. Der Brand der Synagoge war ein Geschehen mitten in der Öffentlichkeit. Was damals geschah, vollzog sich für jeden sichtbar. Mutig genug, die Ungerechtigkeiten und das Unrecht anzuprangern oder gar zu bekämpfen, waren aber die wenigsten.

Als Reaktion auf die Ereignisse vom 9. November 1938 erhob sich kein Sturm der Entrüstung und kein wahrnehmbarer Protest. Das Regime stieß auf keinen nennenswerten Widerstand, als es darum ging, die jüdische Bevölkerung zu entrechten, zu vertreiben und schließlich zu verschleppen. Tatenlos, teilnahmslos, wortlos standen viele dem Geschehen gegenüber. Sie haben weggeschaut und geschwiegen. Das Vernichtungswerk konnte seinen Fortgang nehmen.

Die Pogromnacht von 1938 war deshalb zwar kein Volkszorn, wie es die Propaganda glauben machen wollte, wohl aber ein Volksversagen. Die Verbrechen der Nationalsozialisten haben gezeigt, wie dünn doch das Eis der Zivilisation ist.

Der Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel schrieb in diesem Zusammenhang: „Ein Schlüsselwort meiner Weltanschauung ist der Kampf gegen die Gleichgültigkeit. Ich habe immer daran geglaubt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit ist nicht der Anfang eines Prozesses, es ist das Ende eines Prozesses.“

Geschichte kann man nicht ungeschehen machen. Aber man kann, ja man muss aus der Vergangenheit Rückschlüsse und Lehren für Gegenwart und Zukunft ziehen. Deshalb müssen wir bei der Reflexion des Geschehenen auch den Blick auf unsere Zeit richten. Denn wir dürfen diese Erfahrung von Gewalt und Hass nicht nur zurückgewandt auf einen bestimmten historischen Zeitpunkt begrenzen. Wir müssen uns immer wieder – auch für die Gegenwart! – bewusst machen, welche Folgen es hat, wenn in einem politischen System und in einer Gesellschaft Unrecht zugelassen wird.

Ja, es ist leider so: Menschen waren und sind anfällig für menschenverachtende Ideologien. Wer Anderen die Menschenwürde abspricht, wer Menschen auf ihre Abstammung, ihre Herkunft oder andere äußerliche Merkmale reduziert und verächtlich macht, der hat überhaupt nichts aus unserer Geschichte gelernt.

Auch deshalb kann ein solches Gedenken niemals nur rückblickend verstanden werden. Nur wer weiß, wozu Menschen fähig sind, wer weiß, was geschehen kann, der ist auch in der Lage, den großen Wert von Demokratie, Frieden und Toleranz zu würdigen.

Das Erstarken von Nationalismus, die zunehmende Äußerung von Ablehnung, Hass und Gewalt gegenüber Menschen anderer Herkunft oder Religion in vielen Ländern zeigt, dass der Erhalt dieser Werte keine Selbstverständlichkeit ist.

Der heutige 9. November ist ein Tag, der für diese Erkenntnis noch weitere wichtige Lehren bereithält. Kein anderer Tag in der deutschen Geschichte ist stärker durch eine geradezu irritierende Vielfalt widersprüchlicher Ereignisse besetzt als gerade dieser 9. November. Denn es ist auch der Tag der Revolution von 1918 und damit der Tag der Ausrufung der Republik in unserem Land. Dieser 9. November 1918 war sicher für viele ein Tag der Hoffnung und des Aufbruchs.

Aber durch den Beginn nationalistischer Gewalttaten schon fast im selben Augenblick wurde die große Chance, die sich den Deutschen hier geboten hat, letztlich vertan. Mit Blick auf diese beiden Jahrestage – November 1918 und November 1938 – können und müssen wir die Mechanismen erkennen, die zur Ausgrenzung von Minderheiten führen. Es ist tragisch, dass der Kampf um die Demokratie in der Weimarer Republik verloren wurde. Derselbe Kampf um die Demokratie muss heute von uns geführt werden – und wir müssen diesen Kampf gewinnen.

Vor dem Hintergrund dieser historischen Erfahrungen tragen wir mehr denn je eine Verantwortung für die Würde jedes einzelnen Menschen, dessen Unversehrtheit durch Gewalt, Krieg und Verfolgung bedroht ist. Denn gerade die Achtung des Einzelnen ist einer der wichtigsten aller demokratischen Grundwerte. Wir brauchen ein starkes bürgerschaftliches Bewusstsein für Ungerechtigkeit und Diskriminierung in der Gegenwart. Und wir müssen gerade auch die nachfolgenden Generationen ermuntern, bewusst und engagiert gegen Rassismus, Antisemitismus und rechtsextremes Gedankengut einzutreten.

Wer in einer Zeit des Friedens groß geworden ist, vergisst womöglich – oder hat es überhaupt nie erfahren! –, wie viel Einsatz und Engagement es fordert, Freiheit und Toleranz zu verteidigen.

Wer sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt, dem fehlt das Fundament für die Zukunft. Nur wenn die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen auch in kommenden Generationen wach gehalten wird, kann die Entschlossenheit groß bleiben, Rassismus und Antisemitismus schon in den Anfängen abzuwehren.

Vor wenigen Tagen sagte Herr Rami Suliman, Vorsitzender des Oberrates der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, bei der diesjährigen Gedenkfeier in Gurs: „Heute erleben wir gerade wieder ein Anwachsen des Antisemitismus in Deutschland und Europa, den wir alle zusammen mit ganzer Kraft bekämpfen müssen. Wie schnell kann es da zu einem Flächenbrand in ganz Europa kommen. Noch fühlen wir Juden uns sicher. Wir mussten aber über viele Jahrhunderte hindurch lernen, dass die Sicherheit oft trügerisch war und sehr schnell vorbei sein konnte. Deshalb ist es umso wichtiger für uns ALLE, unsere Demokratie, unsere gemeinsamen Werte zu verteidigen, zu sichern und zu bewahren.

Wir müssen uns immer bewusst machen: Damit Rassismus funktioniert, reicht oft schon das bloße Nichtstun aus. Deshalb dürfen wir, um an Elie Wiesel anzuknüpfen, niemals gleichgültig sein!

Es gilt, eine Kultur des Erinnerns in der Gesellschaft zu verankern, damit solche Verbrechen sich niemals wiederholen können. Denn nur wer um die Gefahren weiß, spielt nicht leichtfertig mit dem Feuer.

Gemeinsam wollen wir nun an dieser Stelle der Ereignisse vor 80 Jahren gedenken und uns dabei auch unserer heutigen Verantwortung für Toleranz, Versöhnung und Frieden bewusst sein.

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4 Gedanken zu “Rede der Oberbürgermeisterin am 9. November 2018 bei der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den 80. Jahrestag der Pogromnacht 1938

  1. Hans Jürgen Rettig schreibt:

    Vielen Dank Her Dr. Jochen Wolf, aber es gab noch eine erste Rede, die von der Friedensinitiative Bruchsal von Dr. Rüdiger Czolk. Die haben Sie offensichtlich nicht gehört, oder wollten sie nicht hören. Diejenigen, die von der Geschichte etwas unterschlagen, verfälschen die Geschichte…

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    • Dr. Jochen Wolf schreibt:

      Sehr geehrter Herr Rettig,

      Ich weiß sehr wohl, dass es eine erste Rede gab und ich habe diese auch gehört. Aber eigentlich wollte ich sie tatsächlich nicht hören, denn der Inhalt derselben war meines Erachtens dem Anlass und der Örtlichkeit nicht angemessen. Wir gedachten vor dem Feuerwehrhaus an diesem Abend der Reichspogromnacht und nur dieser. Die zahlreichen politischen Statements des Herrn Dr. Czolk waren für mich für diese Veranstaltung und an diesem Orte fehl am Platze.
      Was Sie mit Geschichtsunterschlagung meinen, bleibt Ihr Geheimnis. Jedenfalls denke ich, Sie haben sich am Ton vergriffen.
      Falls Sie Ihre Aussage aber darauf beziehen, dass nicht alle Teile der Veranstaltung auf dieser Seite verfügbar sind, so liegt das einfach daran, dass mir lediglich die Rede der OB vorlag und auch so gut gefallen hat, dass ich sie hier anderen Interessierten zugänglich machen wollte.
      Sie oder Ihr Kollege Dr. Czolk können selbstverständlich auch seine Rede einstellen.

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      • Hans Jürgen Rettig (Bruchsaler Friedensinitiative) schreibt:

        Danke für die Antwort, Herr Dr. Wolf. Also, Sie stimmen mir nicht zu, wenn bei Veröffentlichung über eine Veranstaltung Teile weggelassen werden, dass die Geschichte damit nicht verfälscht wir. Das kann ich nicht nachvollziehen und wenn Sie meinen, dass ich mich im Ton vergriffen habe, dann entschuldige ich mich hiermit dafür. Darüber hinaus geht es uns mit der Reichspogromnacht darum vor dem aufkommenden Faschismus unsere Stimme zu erheben und davor zu warnen. Da sind wir dann doch wohl einer Meinung. Und gerade die Reichspogromnacht ist meiner Ansicht nach ein guter Anlass dazu. Ich werde die Rede von Dr. Rüdiger Czolk ins Netz stellen und freue mich natürlich darüber, dass Sie es akzeptieren trotz Ihrer Einwände.

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      • Hans Jürgen Rettig (Bruchsaler Friedensinitiative) schreibt:

        Rede zum 80. Jahrestag des Synagogenbrands, 9.11.2018
        von Dr. Rüdiger Czolk für die Friedensinitiative Bruchsal
        Artikel 1 – Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.
        Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der
        Brüderlichkeit begegnen.
        Artikel 2 – Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte
        und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe,
        Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung,
        nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.
        Liebe Anwesenden, vielleicht sollten wir uns öfter diese ersten beiden Artikel der Erklärung der
        Menschenrechte ansehen. Diese Erklärung ist unter dem Eindruck der
        Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und den Folgen des von den
        Nationalsozialisten angezettelten Weltkriegs entstanden. Für die Verfasser war
        klar, dass es nie mehr Diskriminierungen oder Schlimmeres geben darf, nur
        weil jemand eine andere Hautfarbe, eine andere politische Meinung oder einen
        anderen Glauben hat.
        Vor 80 Jahren war aber genau das der Grund, warum die Synagoge, die hier
        stand, in Brand gesetzt wurde. Die Juden, also Menschen, die einer anderen
        Glaubensgemeinschaft angehören, wurden verfolgt und systematisch ermordet.
        Dies ist ein unfassbares Beispiel für die Menschenverachtung des Nazi-
        Regimes.
        Es ist gut, dass Sie sich heute hier zusammengefunden haben, um an den
        Synagogenbrand zu erinnern. Dass Sie hier heute ein Zeichen setzen, dass so
        Rede zum 80. Jahrestag des Synagogenbrands, 9.11.2018, Seite 1 von 5
        etwas nie wieder geschehen darf. Dass Sie einstehen für demokratische Werte
        und die Menschenrechte.
        Dies ist umso wichtiger angesichts von fremdenfeindlichen Szenen in Chemnitz
        vor einigen Wochen. Oder von perfiden, demagogischen Redebeiträgen von
        AfD-Parteimitgliedern, die sich einen demokratischen Anschein geben – in
        Wirklichkeit aber unsere demokratischen Werte verneinen.
        Es ist wichtig hier zu stehen angesichts von brennenden
        Flüchtlingsunterkünften und von Morden des Nationalsozialistischen
        Untergrundes.
        Die Wahrung der Menschenwürde wurde in den Mittelpunkt aller
        demokratischen Gesetzgebungen gestellt. Ihre Verfasser haben sehr klar
        erkannt, dass eine nicht autoritär geführte, demokratische Gesellschaft nur dann
        entwickelt werden kann und auch nur dann Bestand haben kann, wenn deren
        Bürgerinnen und Bürger über eine innere Orientierung verfügen. Diese
        Orientierung, an der sie ihr Handeln, ihre Lebensführung und ihr Zu-
        sammenleben mit anderen ausrichten, stellt die Wahrung der Menschenwürde
        dar..
        Gerald Hüther, der bekannte Hirnforscher, sagt dazu: Eine effektive und
        nachhaltige Möglichkeit zur Überwindung der Begrenztheit der eigenen
        Vorstellungswelt ergibt sich aus der Begegnung mit anderen Menschen. Und
        aus der Begegnung mit deren fremdartigen, von den eigenen Überzeugungen
        abweichenden Vorstellungen. Solche Begegnungen öffnen und relativieren die
        eigenen Selbst– und Weltbilder.
        Ich wünsche jedem solche Begegnungen, wie ich sie selbst zum Beispiel beim
        Nachmittagstreff mit Asylbewerbern in Bruchsal erlebt habe. Wenn du den
        Rede zum 80. Jahrestag des Synagogenbrands, 9.11.2018, Seite 2 von 5
        Geschichten dieser Leute lauschst, und wenn du ,in die Augen dieser
        „Fremden“ schaust, um dann zu erkennen: Dir sitzt ein Mensch gegenüber.
        Wir müssen wieder lernen, uns als Menschen unter Menschen zu sehen und
        nicht uns abzugrenzen, einzuigeln oder das Nationale zu betonen.
        Die erstarkenden Rechtspopulisten in Deutschland wie auch in anderen Ländern
        Europas plädieren aber gerade dafür. Sie wollen sich gegen Andersgläubige,
        Flüchtende aus Kriegsgebieten, Menschen mit anderen Wertevorstellungen oder
        die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge abgrenzen. Sie sind nicht für eine offene
        Gesellschaft.
        Statt zu fordern, dass die Außengrenzen Europas geschützt werden müssen,
        sollten wir fragen: Warum machen sich Menschen aus anderen Ländern auf den
        Weg?
        Eine Antwort lautet: Unser globales Wirtschaften. Dieser globale Kapitalismus
        entzieht ihnen die Lebensgrundlage. Ende 2017 waren über 68 Millionen
        Menschen auf der Flucht. Bei dieser unvorstellbar großen Zahl fühlen die sich
        bestärkt, die gerne von einer sogenannten „Flüchtlingswelle“ sprechen.
        Aber machen sich wirklich alle auf den Weg nach Europa, wie uns vorgemacht
        wird? 40 Millionen Menschen sind Flüchtlinge im eigenen Land. Also 2/3 aller
        Menschen auf der Flucht.
        85% der Flüchtlinge leben in Entwicklungsländern, d.h. Etwa 9 von 10
        Menschen auf der Flucht kommen nicht nach Europa. Fakt ist, nur ein kleiner
        Bruchteil von flüchtenden Menschen kommt zu uns.
        Ein weiterer Grund, warum diese Menschen ihre Heimatländer verlassen
        müssen, sind unsere Waffenlieferungen. Diese helfen mit, dass Kriege in aller
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        Welt begonnen und/oder weitergeführt werden können. Deutschland zählt seit
        Jahren zu einem der größten Waffenexporteure der Welt. Allein im letzten Jahr
        wurde die Ausfuhr von Rüstungsgüter im Wert von über 6 Milliarden Euro
        genehmigt. Zur Zeit beteiligen sich rund 3.500 Bundeswehrsoldaten an
        Einsätzen im Ausland. Was haben wir aus den Schrecken der beiden Weltkriege
        gelernt?
        Selbst Javier Solana, 2003 der Hohe Vertreter der EU-Außen- und
        Sicherheitspolitik, merkte kritisch zur Europäischen Sicherheitsstrategie an:
        Zitat Anfang „Bei nahezu allen größeren Einsätzen folgte auf militärische
        Effizienz ziviles Chaos.“ Zitat Ende.
        Würde nicht jeder von uns sich auf den Weg machen, wenn ihm die
        Lebensgrundlage entzogen wird?
        Wir sollten aus der Geschichte lernen. Aleida und Jan Assmann haben dieses
        Jahr dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. In ihren
        Forschungen beschäftigen sie sich mit dem Lernen aus der Geschichte und dem
        nationalen Gedächtnis. In ihrer Dankesrede sagten sie: „Die Nation ist kein
        heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung … zu retten ist, sondern ein
        Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer
        Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren
        Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden.“
        Wiederholt sich die Geschichte? Das wurde ich einmal vor ein paar Jahren bei
        einer Podiumsdiskussion gefragt. Ich denke „nein“, Geschichte wiederholt sich
        nicht – zumindest nicht ganz genauso wie zum Beispiel 1933. Aber ähnlich.
        Vielleicht werden es nicht Menschen jüdischen Glaubens oder Kommunisten
        sein, aber es werden Menschen ausgegrenzt, diskriminiert und schließlich
        Rede zum 80. Jahrestag des Synagogenbrands, 9.11.2018, Seite 4 von 5
        umgebracht werden. Ist das überzeichnet? Die Zeitung „Die Zeit“ hat recher-
        chiert, das seit 2010 in Deutschland 169 Menschen von rechtsmotivierten
        Tätern umgebracht wurden.
        Deshalb ist es wichtig, immer wieder daran zu erinnern, wie es 1933 zu diesem
        Unrechtsregime in Deutschland kam. Zusammenhänge und Muster aufzuzeigen
        und zu erkennen, die zu diesem menschenverachtenden Regime geführt haben.
        „Später war es zu spät“. Diese Worte sagte Erich Kästner im Mai 1958 – 25
        Jahre nach der Machtübernahme durch die NSDAP. Ein Vierteljahrhundert
        später machte er klar:
        Gegen menschenfeindliche Ideologien hilft keine Geduld. Handeln, bevor es zu
        spät ist.
        Das gilt auch heute.
        Abschließen möchte ich mit einem Auszug aus dem Gedicht „Meine Seele hat
        es eilig“ von Mario de Andrade, einem brasilianischen Dichter und
        Schriftsteller:
        „… Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. Menschen, die
        über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die
        sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung
        fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der
        Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das was das Leben
        lebenswert macht. Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen,
        die Herzen anderer zu berühren. Menschen , die durch die harten Schläge des
        Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.“

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